Jakobsweg und Tiefental

27.04.2014

Eine wundervolle Zugfahrt durch den Frühlingsmorgen in der Westlausitz. Kurz vor acht Ankunft in Kamenz, das "Kamenzer Büdchen" in der Bahnhofshalle hat schon geöffnet und es gibt Kaffee. Draußen liegt der kleine Stadtpark noch im Nebel, die Rotbuche hat schon ihre Blätter. Lückersdorf, Schwosdorf und Reichenau steht auf dem Wegweiser mit dem roten Strich. Nach rechts, auf der Brücke über die Gleise und in die Königsbrücker Straße, vorbei an der mittelalterlichen Pilgerkirche St. Just mit ihrem Friedhof. Gegenüber dem Parkplatz bei den alten Stadtscheunen geht der Jakobsweg - die Via Regia - parallel zur Straße "Am Hutberg" den Berg hinauf. 1890 hatte der Kamenzer Gärtner und Baumschulbesitzer Wilhelm Weiße begonnen, den Berg zu einer Parkanlage zu gestalten. Die Rhododendronblüte ist gerade auf ihrem Höhepunkt angelangt, auch die Freiland-Azaleen blühen.

Ganz oben geht der Parkweg in einen schmalen Wanderweg über, der auf der anderen Seite des Berges wieder hinunterführt. Die exotischen Gehölze im Nebel erinnern einen an die Isla del Nubla, doch statt des Sauriergebrülls sind sanfte einheimische Vogelstimmen zu vernehmen.

Am Fuß des Hutbergs biegen wir nach links in eine blühende Obstbaumallee ein. Vor uns liegt ein Rapsfeld, das einen gelben Schein erzeugt - Spiegelung der Blütenfarbe in den Nebeltröpfchen.

Es dauert lange, bis der Nebel sich auflöst. Statt der Waldvögel sind nun die Lerchen zu hören. Immer wieder das Muschelzeichen am Wegrand. Das ist die alte Hohe Straße, die Via Regia, die hier zwischen den Sechsstädten de Oberlausitz verlief. Selbst die Kaufleute aus Kiew zogen auf ihrem Weg zur Leipziger Messe hier entlang.

Die Sonne kommt heraus und wir erreichen den Waldrand. Rostige Gitter und Betonpfosten erinnern an die Zeit, da hier alles voller Militäreinrichtungen war und die Wanderer den Keulenberg nicht betreten durften.

Ein Gehöft, dahinter eine große Wiese, Apfelblüten, sanfte Hügel. Dann eine Schutzhütte, die Bank zerstört, "Buen Camino" steht an der Wand. Noch ein Stück weiter eine Postmeilensäule mit den Initialen August des Starken aus dem Jahr 1723. Und schon sind wir in Schwosdorf, das jetzt zu einer Gemeinde mit dem Phantasienamen Schönteichen gehört. "Schwosdorf an der Via Regia, Kulturstraße Europas." Noch 10 Kilometer bis Königsbrück, ein Drittel des Weges ist geschafft. Am Dorfteich informiert eine Tafel über die sgenhafte Schlacht König Heinrichs I. gegen die Wenden am Walberg, aber auch über die LPG 10. Jahrestag und die LPG Grünes Tal.

Im Wal- und Wüsteberghaus können Pilger übernachten - es gibt sogar ein Pilgerkino und ein Insektenhotel.

Hinter Schwosdorf beginnt wieder der Wald, der nun den Weg ein ganzes Stück begleitet. An einer freien Fläche gibt es einen kurzen Blick zum Keulenberg, am nächsten Waldrand findet sich der Ruheplatz "Harzers Ruh" mit genauen Entfernungsangaben und der Begrüßung der Wanderer und Pilger auf Reichenauer Flur.

In Reichenau treffen wir auf einen großen Geflügelhof und auf eine riesige alte Mühle, die ehemals mit Gasthaus und Bäckerei die Wanderer erfreute. Nichts davon ist übriggeblieben als das Gebäude, in dem unheimlicherweise plötzlich das Telefon klingelt. Man kann aber sehr gemütlich im schattigen Wartehäuschen sitzen, an dem nur werktags die Busse halten.

Dann der Müllerhof mit der Feldküche (dienstags und donnerstags ab 11.00 Uhr), wo man auch Pilgerstöcke kaufen kann.

Um die Ecke, am Ufer der Pulsnitz, liegt das 1845 erbaute Armen- und Heimathaus der Gemeinde, das jetzt als Pilgerherberge dient (Anmeldung: 035795 42693 oder 035795 30489).

Nun verlassen wir den Jakobsweg, um das wunderschöne Tiefental an der Pulsnitz zu erkunden. Etwa einen halbe Stunde kann man hier am Ufer der Pulsnitz entlanglaufen, ohne einem Menschen zu gegegnen. Dann stoßen wir bei Gräfenhain wieder auf die Straße, der wir nun nach Königsbrück hinein folgen. Am Ortseingang treffen wir wieder auf den Jakobsweg, dem wir die Hauptstraße entlang ins Stadtzentrum folgen, um dann links zum Bahnhof abzubiegen. Nicht dem roten Strich (Gräfenhainer Wanderschuh) folgen - er führt zur verfallenen Stadtmühle und dann wieder in einer Schleife Richtung Gräfenhain.

Der Bahnhof ist mit modernen Stadtmöbeln hergerichtet, man muss in der prallen Sonne unter durchsichtigen Dachelementen sitzen. Der Zug kommt am Wochenende nur aller zwei Stunden... ein heimliches Schattenplätzchen findet sich auf den Stufen des alten, verschlossenen Bahnhofsgebäudes zwischen Glasscherben und blühendem Löwenzahn. Eine Bachstelze wippt vorbei, mag aber keine Kekskrümel.